Gerade eben sind sie zu Ende gegangen, die „Last night of the Proms“, DAS Konzert schlechthin. Und wenn “Rule, Britannia” oder „Land of hope and glory“ gespielt wird, dann bekomme ich eine Gänsehaut, nicht weil ich denke dass die Briten Nationalisten ersten Ranges seien. Nein, die Gänsehaut bekomme ich, weil die Musik einfach schön ist und das ganze Flair der Veranstaltung einfach unbeschreiblich ist.
Gäste aus aller Welt kommen nach London um am Konzert teilzunehmen. Die “Proms” sind nämlich kein Passiv-Konsumenten-Konzert sondern das Mitmachen und Mitsingen ist fester Bestandteil der Proms. Flaggen aus aller Welt werden geschwungen und wenn das “Rule, Britannia” gesungen wird, dann singen da Briten, Franzosen, Deutsche, Brasilianer friedlich gemeinsam einen Text, den ihre Vorfahren einst zum Krieg animiert hätte.

Die EU eines solchen Vielvölkergesanges, das ist die EU die mir vorschwebt. Bezeichnend für eine gänzlich andere Europabegeisterung allerdings scheint es mir, wenn einer der Zuschauer während des Konzerts in seinem Tweet schreibt, “Schön all die Fahnen und Gott sei Dank ist keine EU-Fahne dabei.”
Und schon fällt mir wieder auf wie “Populär” die EU weithin ist. Was sieht Otto Normalverbraucher von der EU? Die Vorteile der Regelungen des Schengen Abkommens? Nein, er sieht dass afrikanische Bootflüchtlinge mittels eilig ausgefertigter Schengen Visa von Italien “entsorgt” werden sollen, indem man ihnen die Weiterreise in andere EU Staaten ermöglicht. Dass Italien dabei trotz allem Verständnis für die Zustände auf seiner Insel Lampedusa gegen noch geltendes (aber nicht unabänderliches) EU Recht verstößt sei mal eben am Rande angemerkt.
Er sieht die EU-Norm-konform gekrümmte Gurke (eine Regelung die Gott sei Dank wieder beerdigt wurde), die EU Rettungsschirme 1 bis n die angeblich den Euro retten sollen und dabei nur dazu dienen die sich verzockenden Banken zu retten. Er sieht dass man ihn zum Treibstoff „E10“ treibt, ob er will oder nicht. Er sieht den Wahn um die Energiesparlampe, die zwar Energie beim Leuchten einspart, aber erhebliche Energiemengen bei der Herstellung benötigt und die noch dazu so giftig ist, dass man sie nicht einfach im Hausmüll entsorgen kann. (Ganz nebenbei die Energiesparlampen sind mit Wegfall der 60 Watt Birne für alle “gänzlich unerwartet” im Preis gestiegen. Wegen der seltenen Erden die man bei der Herstellung benötige, so tönt es von Herstellerseite. „Schuft wer Böses dabei denkt“)
Daß all das nicht dazu angetan ist die Popularität der EU zu erhöhen, ist augenscheinlich.
Dazu kommt, dass die EU so strukturiert ist, dass es Otto Normalverbraucher nicht versteht. Soll er denn ?
Es gibt die EU Kommission, der Platz wo Deutschland offensichtlich die Politiker entsorgt die, aus welchem Grunde auch immer, entweder in Deutschland keinen Fuss mehr auf den Boden bekommen oder sich durch das komplette Fehlen von minimalen englischen Sprachkenntnissen “auszeichen”. Dann gibt es das EU Parlament, das eher einem Wanderzirkus mit seinen wechselnden Tagungsorten Strassburg und Brüssel gleicht und dessen Impotenz in krassem Gegensatz zu der allseits verkündeten Wichtigkeiten dieses Parlaments steht.
Die Wahlbeteiligung bei den Wahlen zum EU Parlament spricht da Bände. Was der Europäische Rat ist und welche Aufgaben er hat, das frage man einen Normalbürger lieber eher nicht. Und wenn eben dieser Normalverbraucher den Unterschied zwischen Europarat und Europäischem Rat und dem Rat der Europäischen Union erklären soll, spätestens dann ist klar, hier gibt es noch viel zutun, für die Schulen, für die Bundeszentrale für politische Bildung ebenso wie für die jeweiligen EU Infobüros, die es in verschiedenen Städten gibt.
Ich bin überzeugter Europäer, aber das heisst nicht, dass ich meine Identität als Deutscher nun völlig aufzugebe. Nein, ich bin Deutscher, der Staatsangehörige eines Landes das sowohl Goethe als auch Bach und Einstein hervorgebracht hat, aber das auch Schauplätze von unvorstellbaren Gräueln in Bergen-Belsen oder Dachau aufweist. Ich laufe nicht mit dem Sticker “Ich bin stolz ein Deutscher zu sein” herum, andererseits prüfe ich genau wer im Zweifel das Argument von der “Erbsünde des Dritten Reiches” als Totschlagsargument ins Feld führen will um mich in die Deutscher = Nazi = Naziabkömmling-Ecke zu stellen.
Aber zurück zu Europa. Ich finde Europa gut. Ich mag auch den Euro obwohl ich weiss, dass bei seiner Einführung viel Abzocke im Spiel war. Das Umrechnen in DM tritt bei mir mehr und mehr in den Hintergrund. Ich finde es gut dass ich bei meinem Grenzübertritt über die EU-Aussengrenze in vielen Fällen gleich Euros bekomme und ich mich orientieren kann. Ich mag meine europäischen Freunde aus Finnland, aus Frankreich, aus den Niederlanden. Ich mag die Reisefreiheit von Portugal bis an die Grenze der Ukraine. Ich mag getrocknete italienische Tomaten in Öl usw. usf.
All das finde ich gut. Und was gefällt mir nicht? Das ist ein weites Feld aber spontan fällt mir der EU-Ministerrat und der Europäische Rat ein, die Meetings der jeweiligen Fachminister oder Regierungschefs. Bei diesen Räten werde ich das Gefühl nicht los, dass sie dazu dienen Regelungen durchzuboxen die man in vielen Fällen zuhause nicht durchbekäme. Immer das Argument auf den Lippen “wir wollten ja, aber Brüssel … ” M.a.W. die Alternativlosigkeit die einem da vorgespielt wird.
Ich mag die EU Kommission mit ihrem dauergrinsenden Präsidenten Barroso nicht weil sie keinerlei demokratische Basis aufzuweisen hat. Ich mag Catherine Ashton ebenso wenig wie Herrn van Rompuy, der von einem Mitglied des Europaparlaments als Mann “mit der Aura eines nassen Lappens” betitelt wurde.
Beide erscheinen mir als Marionetten des Europäischen Rates die wohl nur gewählt wurden weil sie hoffnungslos ohnmächtig sind und dem Europäischen Rat im Zweifel nicht in die Parade fahren können.

Es passt mir auch nicht dass da von “Eurorettung” geredet wird und tatsächlich die Bankenrettung darunter verstanden wird. Mir passt es nicht dass ich als EU-Büger alle Jubeljahre zur Wahl getrieben werde um zu “Falten”. Und das soll dann meine Beteiligung an der EU gewesen sein? Wie heißt es doch so schön? Wer seine Stimme abgibt hat nichts mehr zu sagen. Andere formulieren es schärfer wenn es da heißt “Urnen gehören auf den Friedhof.“
Nein, ich will mehr. Ich will ein EU Parlament das wirklich ein Parlament ist. Ich will eine Kommission deren Befugnisse sich letztlich von demokratischen Wahlen ableiten. Ich fordere dass wesentliche EU Beschlüsse im Wege der Volksabstimmung in den EU Mitgliedsstaaten vom Volke abgesegnet oder auch verworfen werden können, in allen EU Staaten inkl. Deutschland. Ich will endlich in Hinblick auf die EU dass was Immanuel Kant schon vor Jahrhunderten postulierte, nämlich Aufklärung über die EU als „… der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit.”
Ich will endlich ernst genommen werden, als Bürger Deutschlands genauso wie als Bürger der EU. Und diesen Wunsch habe sicher nicht nur ich. Es ist leicht alle Kritiker der EU in die Ecke derer zu stellen die immer noch nicht begriffen haben dass die EU ein Friedensgarant für Europa ist wie unsere Bundesmutti das neulich tat. Eine solche Propaganda ist nicht nur bösartig, sondern soll wohl verschleiern was tatsächlich mit dem “speziellen Europa” bestimmter Kreise gemeint ist. Wenn solch ein Europa gebaut werden soll auf die Ideologie des “New Labour” eines Gerd Schröder und eines Tony Blair oder auf den neoliberalen Quatsch der uns eine der härtesten Krisen beschert hat, dann, aber auch nur dann sage ich nur
“Europa – Nein danke“
, denn es ist ein Europa der Wirtschaft aber kein Europa der Bürger. Letztlich sind es die Bürger aller EU Staaten die „Europa“ ausmachen. Wer das immer noch nicht begriffen hat, der ist der eigentlich Feind Europas. Das wird spätestens festzustellen sein wenn immer mehr und mehr Bürger sich dem „Finanz“-Europa verweigern mit dem Slogan
„Danke, nicht mein Europa”.
P.S. den noch zum Abschluss für alle EU Skeptiker