Zug der Anachronisten

Franz-Joseph Degenhardt hatte seinerzeit einen schönen Song, das Lied vom “Zug der Anachronisten”. Dabei ging es um diejenigen die unter dem Signum von “Freiheit und Demokratie” alle möglichen und unmöglichen Argumente für “Freiheit und Demokratie” ins Feld führen, in Wahrheit aber nur die “Freiheit und Demokratie” bestimmter Leute meinen. An diese Art des Anachronismus fühle ich mich erinnert wenn ich die Debatte um das Handelsblatt und sein Konvulut “Mein Kopf gehört mir" denke.

Erfrischend wirkt da der Kommentar von Florian Steglich unter der Überschrift “Breaking: Pater Anselm Grün hat auch eine Meinung zur Piratenpartei (eineinhalb Gedanken und ein paar Fragen zur Handelsblatt-Titelgeschichte)

Es geht bei dem Handelsblatt Artikel auch - aber nicht nur - um die Frage des Urheberrechts bei der vom Handelsblatt angestoßenen Debatte. Es geht AUCH um die Piratenpartei als solche. Man hat nämlich in bestimmten Kreisen erkannt, daß man der PP nicht mit den üblichen Mitteln der Politik (und da nenne ich mal nicht den offenen Diskurs, denn den fürchtet man) wie Verunglimpfung (Protestwähler ohne Programm), in die “Radikalenecke stellen” (CSU Innenminister Bayerns) usw. usf. weiterkommt. Die PP soll “journalistisch" erledigt werden.

Die Wähler lassen sich von der PP nicht mehr mit dem Hinweis auf “taktisches Wählen” (Wer XYZ wählt, der wählt in Wirklichkeit ABC - ein u.a. von der SPD und den Grünen gern genutzter Ansatz) ködern. Also muss was anderes her. Und da ist der Hinweis auf “Umsonst-Kultur”, den “Raub geistigen Eigentums” usw. usf. ein prima Ansatz gefunden … meint man.

Aber Viele haben doch gemerkt, dass des “Kaisers neue Kleider”, also die Urheberrechtskultur bisheriger Prägung nicht mehr verfangen. Daher bemüht man eben Prominenz. Die soll es richten, tut es aber nicht.

Aber zum Thema. In der Tat hat die Content-Industrie jahrelang geschlafen als es um die Nutzung neuer Medien auch in ihrem Geschäftbereich ging. Erst APPLE zeigte (und zeigt heute noch) wie man das Internet zum Verkauf von Musik und auch Apps nutzt. Andere folgten, so Amazon. Nichts war “für umsonst” und dennoch sprang eine große Gruppe von Kunden begeistert auf.

Nun haben die Piraten ganz andere Fragen im Zusammenhang mit dem Urheberrecht gestellt ohne die Frage nach dem “Alles für lau” haben zu wollen zu stellen. Hat die bisherige Content-Industrie nicht sehr hilflos agiert?

So hat sich die GEMA mit ihrer Intervention in Youtube unendlich viele “Freunde” gemacht. So waren sich bestimmte Verwerter auch nicht zu schade Geld dafür kassieren zu wollen, dass man Kinderliedernoten in Kindergärten nutzt. Wer da erkennbar eine “Nix-leisten-aber-viel-haben-wollen” Mentalität (Die berühmte umsonst-Mentalität die man den Piraten vorwarf) offenbart, will ich mal offen lassen.

Nur soviel sei aus Sicht eines ganz normalen Nutzers mal ganz am Rande angemerkt. Wer auf der einen Seite die Freiheit propagiert und sich für die Meinungsfreiheit in Damaskus in die Bresche wirft, der sei doch bitte auch so gut und sorge dafür, dass mein CD Video Player nicht “verkrüppelt” auf den Markt kommt. Aus guten - finanziellen - Gründen ist er werksseitig nicht in der Lage ist ausländische Videos die offiziell und mit Lizenz erworben wurden, abzuspielen. Meine Freiheit offiziell gekaufte Videos nutzen zu können und mich ungehindert aus allen Quellen zu informieren scheint demgegenüber zweitrangig.

Neue Technologien (eBook) scheinen immer erst einmal auf den Markt gebracht zu werden indem man dem Kunden unterstellt, er sei ein Raubkopierer oder sonstiger finsterer Zeitgenosse. Nur so läßt es sich erklären, daß viele eBooks mit Kopierschutz (DRM) auf dem Markt kommen. Gott sei Dank huldigen nicht alle Anbieter dieser Ansicht und so kann man eBooks die man bei Amazon nur mit DRM bekommt, bei anderen Anbietern auch ohne diesen Firlefanz kaufen. Daß die Content-Industrie sich auf diese Weise selbst ins Knie schießt, sei nur am Rande bemerkt (s. u.a. auch der Beitrag des CCC "Antwort auf den offenen Brief der Tatort-Drehbuchschreiber".

Auf die Dauer sollte sich die Industrie darauf einstellen dem Kunden als Kunden und nicht als potentiellem Rechtsbrecher gegenüber zu treten.

Aber vielleicht müssen wir die Fragen in Zukunft noch ganz anders und viel radikaler stellen um Bewegung in die Sache zu bekommen? Vielleicht müssen wir die Frage nach der Existenzberechtigung der GEMA und gleichgelagerter Organisationen ebenso stellen wie die Frage nach der Existenzberechtigung der GEZ? Gewinner können dabei die Künstler UND die Kunden sein.

P.S. die Aussage der Piratenpartei zum Thema findet sich hier und eine m.E. nach gute Zusammenfassung zum Thema Urheberrecht hat Jonny Häusler in seinem Spreeblick geschrieben. Hier könnt Ihr sie finden.

Und weil der Artikel so schön ist, habe ich ihn dort auch gleich kommentiert. Aber es gibt dort eine Vielzahl von Kommentaren, die den Artikel noch lesenswerter machen. Hier jedenfalls mein “Senf” dazu:

Lieber Jonny,

danke für den Artikel, eine wirklich abgestufte und damit lesbare Zusammenfassung zum Thema, die auch eines meiner Lieblingsthemen enthält, die Codierung von Videoabspielgeräten so dass ich z.B. legal im Ausland erworbene DVDs NICHT abspielen kann.

Dem Artikel ist wenig hinzuzufügen. Nur eines würde ich gern noch loswerden. Ich denke dass viele Leute sich legal mit Musik oder eBooks gegen Bezahlung eindecken würden. Und ich tue das z.B. auch über iTunes oder Amazon was Musik anbelangt. Ich kann da einen dezidierten Song raussuchen und ihn und genau nur ihn für kleines Geld kaufen, prima.

Was eBooks anbelangt – für die ich mich zunehmend interessiere (ich habe einfach keine Lust 13 Kg Papier mit in den Urlaub zu nehmen) – da muss ich sagen dass die Mehrheit der Verleger wohl nicht so recht mit dem Ohr am Puls der Zeit sind. warum kosten eBooks i.d.R. nur unwesentlich weniger als Papierausgaben? Warum meinen einige diese eBooks nur MIT DMR (also Kopierschutz) verkaufen zu müssen? Ich kaufe i.d.R. gebrauchte Bücher – falls ich nicht gerade solch einen “Heisshunger” darauf habe dass ich nicht warten möchten (Spontankauf). Die Buchstaben sind i.d.R. durch ein- oder mehrmaliges Lesen NICHT wesentlich beschädigt und so spare ich manche Mark (Sorry, Ihr merkt ich bin älteren Datums). Warum also zur Hölle kann ich ein eBook nicht weiterverkaufen? Ich weiß, ich habe ja nur eine Lizenz zur Nutzung beim Erwerb eines eBooks. Also, dann kaufe ich eben weiter Papierbücher und Euer Geschäftsmodell des eBook dümpelt weiter vor sich hin (u.a. auch weil Ihr nicht in der Lage zu sein scheint ein einheitliches Format für eBooks zu verabreden. Ich will KEINE zwei oder mehr eBook Reader und vorher konvertieren will ich die Dinger auch nicht, kapiert?)

M.a.W. warum liebe Anbieter schafft Ihr tausend künstliche Barrieren die mich davon abhalten Eure Produkte zu erwerben? Warum stellt Ihr die Kunden unter den vorbeugenden Generalverdacht des Rechtsbrechers? Wie hoch schätzt Ihr den Geschäftserfolg eines Ladens den man nur betreten darf wenn man zuvor einen Auszug aus dem Strafregister vorgelegt hat? Na? Genau. Also, kommt runter und seht den Kunden als das an was er ist – Euer unentbehrlicher Partner im Business.

P.S. habe mir erlaubt einen Link auf diesen Artikel in meinem Blog zu hinterlegen, http://ostpirat.tumblr.com/post/20775708151/zug-der-anachronisten