Super, der Landesparteitag der Piraten Sachsen steht vor der Tür. Ich freue mich ehrlich gesagt “wie ein Schnitzel”, viele Piraten treffen, inhaltliche Diskussionen. Doch, oh weh, … je näher wir dem Termin kommen, umso weniger scheinen wir uns mit dem zu beschäftigen was unsere Aufgabe ist : POLITIK. Unser neues Schlachtfeld scheint eher der Bereich der “Nebenskriegsschauplätze” zu sein. Dafür gibt es genug Belege.
War es vor (fast schon) Urzeiten die Frage “Wie hältst Du es mit den Nazis?”, so hatten wir bald wieder eine neue Spielwiese, Johannes Ponader und sein “Ich trete vom Amt zurück”. Auch die Pressemappe eines Mitglieds aus Sachsen fanden wir dann so toll, dass wir erhebliche Bemühungen auf das fachgerechte Entfachen eines Shitstorms verwendeten. Und nun? Nachdem alles “abgekühlt” ist? Laut möchte man “TGIF” rufen (Thank God it’s Friday). Und Friday bringt uns … einen neuen langersehnten Shitstorm. Was wären wir ohne Shitstorm? Eben, eine der langweiligen Altparteien und das wollen wir doch nicht sein, oder?
Und die Lieferantin dieser Steilvorlage ist Julia Schramm, Mitglied des derzeitigen Bundesvorstandes der Piratenpartei und gemeinhin bekannt als @laprintemps in Twitterkreisen. Und worin besteht ihr “Verbrechen”? Genau, sie hat ein Buch geschrieben das ich, ganz nebenbei gesagt nicht gelesen habe und von dem ich nur Teile kenne. Und da erhebt sich der Shitstorm aus den tiefsten Tiefen des Hortes der “Lordsiegelwahrer des rechten Glaubens der Piratenpartei”.
Ja, es gibt sie, die inquisitio haereticae pravitatis (Inquisition gegen ketzerische Verderbtheit). Spätestens seitdem die Frage auftauchte “Wie hälst Du es mit Nazis?”, seitdem haben wir eine selbsternannte Inquisition in der Partei die mit höherem Wissen gesegnet über die Reinheit der Partei und ihrer angeblichen Lehre wacht.
Sie konnte über “Nazis” in der Piraten Partei herfallen, ungeachtet ob es sich dabei tatsächlich um Rechtsradikale handelte oder um Mitglieder die gedankenlos den Erfolg der Piraten mit dem Aufstieg der NSDAP verglichen.
Dann war da die Sache mit der Pressemappe. Daß der Autor dieses mehr oder minder notwendigen Konvolutes selbst erstaunt war um den aufflammenden Shitstorm, zeigt nur wie wenig er vielleicht von der “parteiinternen Kultur” der Piraten Partei weiß. Daß die Pressemappe noch dazu dienen sollte die geplante Bundestagskandidatur des Mitglieds zu unterstützen, machte das Faß offensichtlich voll und ließ es bei manchem überlaufen. Ein “Shitstorm im Wasserglas” war die Folge.
Und nun, Julia Schramm und ihr Buch “Klick mich”. Bisher sind es wohl die wenigsten unter uns die das Buch gelesen haben. Zahlreiche Medien haben indes mit großem Eifer den Ball schnell aufgenommen und Artikel zum Thema veröffentlicht, angefangen bei der BILD-Zeitung, über die FAZ bis hin zum Abschreibe-Qualitäts-Journalismus des “SpOn”. Alle fühlen sich bemüßigt sich zu den literarischen Ergüssen des 26-jährigen Mitglieds des Bundesvorstandes der Piraten Partei Stellung zu nehmen und so … ganz nebenbei … das indifferente wenn nicht negative Image der Piraten weiterzuverbreiten das uns seit einiger Zeit entgegenschlägt. Auch einige Blogs, so wie dieser hier, widmen sich dem Thema.
Julia ist in der Tat eine umstrittene Person. Als Anhänger der datenschutzkritischen “Spackeria” fiel sie u.a. dort unangenehm auf wo die Piraten es mit dem Datenschutz hatten. Und nun hat sie ihre persönlichenAnsichten in ein umstrittenes Buch verpackt. Umstritten ist das Buch schon deshalb weil es in einem Unternehmen der Bertelsmann Gruppe erscheint. Bertelsmann hat einen zweifelshaften Ruf weil ihre Stiftung sich eher dem konservativen Lager zurechnen läßt. Mag sein daß auch die Honorarvorschusszahlung in Höhe von angeblich 100.000 Euro schuld an den Anfeindungen von Julia Schramm ist.
Last but not least soll in der Zwischenzeit eine digitale Kopie des Buches in das Netz gestellt worden sein, diese Kopie aber umgehend auf Grund der Intervention des verlegenden Unternehmens aus dem Netz genommen worden sein. M.a.W. da ist auf der einen Seite die Autorin, auf der anderen Seite einfache Parteimitglieder die wesentliche Grundsätze der Partei durch eben diese exponierten Parteimitglieder in Gefahr sehen. Hat jemand MIT Julia geredet? Wenn geredet wurde, dann eher über sie.
Ein Dialog scheint kaum noch möglich. Und manchmal erinnert mich das Ganze an die gerade schwelende Diskussion um die sog. “Beleidigung der Muslime durch ein in den USA verfertigtes Filmmachwerk”. Ebenso wie ich bezweifele dass die Mehrheit der Marodierenden in vielen islamischen Ländern die das sog. “Beleidigungsvideo” je gesehen hat, ebenso bezweifele ich dass viele Schramm-Gegner das Buch gelesen haben oder es je lesen werden. In beiden Fällen hat man sich in seinen Vorurteilen bequemst eingerichtet und das plakative Vonsichgeben von Stichworten ersetzt die Argumentation. Das kann kaum der Stil der Piraten sein, oder?
Ich z.B. bin den Piraten 2009 beigetreten um eine “andere Art” der Politik zu unterstützen. Eine solche alternative Politik beinhaltet für mich neben anderen Diskussionsstrukturen auch die permanente Diskussion mit dem politischen Mitbewerber, wenn und solange gewisse Grenzen nicht unterschritten werden. Ein vernünftiger Vorschlag eines Vertreters der SPD wird für mich nicht dadurch unsinnig weil es von der SPD komm (klarer theoretischer Fall, bisher kam da nicht allzu viel). Diskussionen um demokratische Mehrheitsentscheidungen die als “Tyrannei der Massen” verunglimpft werden, hingegen verbieten sich ebenso von selbst wie der Kampf gegen Rechtsradikale selbstverständlich ist. Vielleicht erwarte ich auch bereits zuviel von der Piraten Partei. Schauen wir einmal zurück (doch nicht im Zorn). Was sehen wir? Die Grünen zwischen Fundis und Realos, Baldur Springmann und Herbert Gruhl. Auch damals herrschte Streit und heftigste Debatten tobten in der jungen Partei. Auch damals wurde die Partei schon “totgeschrieben” und dennoch, es gibt sie immer noch. was allerdings nicht zum dem irrigen Schluß verleiten sollte, daß wir auch alle Anfeindungen überleben werden. Wir können es schaffen, eine Garantie gibt es nicht.
Was ist zutun? Zuhören ist angesagt, zuhören und einander ernst nehmen. Dazu gehört auch dem- oder derjenigen zuzubilligen dass er oder sie ebenso wie man selbst die bestmögliche Politik machen zu wollen. Und Argumentation hat auf der Sachebene anzusetzen und nicht auf der persönlichen Ebene stattzufinden. Vielleicht fordere ich da zu viel? Vielleicht ist die Partei wirklich zu schnell gewachsen und es sind neue Piraten an Bord gekommen die den “Marsch durch die Institutionen” nicht antreten aber zugleich den “Schnellstmöglichen Marsch durch die Partei” anstreben um an Parlamentssitze zu kommen. Auch das kann nicht ernsthaft von uns gewünscht werden.
Und darum haben wir im Moment einige Aufgaben:
- Wir nehmen einander ernst und hören einander zu auch wenn wir inhaltlich nicht die gleichen Positionen haben.
- Wir reden miteinander und nicht übereinander.
- Wir billigen jedem in der Partei zunächst bis zum Beweis des Gegenteils lautere Motive zu.
- Wir befassen uns jetzt und vorrangig mit inhaltlich politischen Fragen. Erst auf Grund der festgelegten inhaltlichen Ziele befassen wir uns mit der Frage von Aufstellungslisten.
Und jetzt bereiten wir uns unter Beachtung der o.a. Grundsätze auf den #LPTHAUE vor. Dort widmen wir uns den Inhalten und tragen das auch gebührend in die Öffentlichkeit. Damit haben wir bereits genug zutun. Zu allen anderen bisher laufenden Prozessen in der Partei inkl. den “Kreuzzügen um den wahren Glauben” möchte ich zusammenfassend sagen was ich davon halte. Wer es wissen will der lausche auf den Refrain von diesem Lied. Besser hätte ich es nicht sagen können.
Ansonsten freue ich mich auf Olbernhau.
P.S. Der Landesparteitag ist vorbei, viele neue Leute mal “life” gesehen die ich bisher nur als Twitterfeed “gesehen” habe und ich bin gesund aus dem Erzgebirge zurückgekehrt. Alles in allem sehr positiv. Untergekommen bin ich in Zethau, einen Ort den ich bisher nicht kannte. Ok, die Anfahrt war ein wenig abenteuerlich, aber die Unterkunft in der sog. “Grünen Schule grenzenlos”, einer alternativen ökologischen Bildungsstätte war einfach überwältigend. Die Unterbringung ist sehr schlicht gehalten, Mehrbettzimmer im Jugendherbergsstil mit Dusche und Toilette auf dem Flur. Hingegen war der Empfang und die Betreuung sehr herzlich. Der “Herbergsvater” ist ein sehr engagierter Mann der vor Ideen und Tatkraft “sprudelt” und der, ganz nebenbei gesagt ein wenig wie Sean Connery im Film “der Name der Rose” aussieht. Ein Besuch bei ihm und seinem Flachsmuseum lohnt sich und das Mobilfunknetzloch hat sein Positives. Wer eine wirkliche Klausur organisieren will, dem sei die “Grüne Schule” in Zethau mit ihren moderaten Preisen dringend anempfohlen.